Herausforderung Bürgerkommunikation: Das Blog fürs Rathaus 2.0

Bürgerkommunikation ist eine der großen Herausforderungen im Zeitalter von Bürgerbeteiligungen und direkter Demokratie. Eine wichtige Rolle spielen hier Blogs, die ein Informationsangebot machen und die Möglichkeit zur Interaktion bieten. Botschaften lassen sich übers Web 2.0 sehr gut transportieren. Neben leicht lesbaren, verständlichen Texten spielen Fotos und Videos eine entscheidende Rolle. 

Bürgerinformation und Kommunikation

Die Stadt Überlingen hatte vor dem Bürgerentscheid über die Frage, ob die Stadt die Landesgartenschau 2020 ausrichten soll, unterschiedliche Kommunikationskanäle – reale und virtuelle – genutzt. Oberbürgermeisterin Sabine Becker und Bürgermeister Ralf Brettin machten zum Beispiel Gesprächsangebote bei einer Bürgerversammlung, bei Bürgergesprächen in den sieben Teilorten und regelmäßig auch an Informationsständen auf den Mittwochs- und Samstagsmärkten in der Stadt. Über ein Blog und Social Media (Facebook und Twitter) kommunizierte die Stadt zudem übers Internet direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Moderiertes Blog

Die Stadt Überlingen hatte sich vor dem Bürgerentscheid dafür entschieden, ein moderiertes Blog online zu stellen. Wir haben  das Konzept erstellt, es zusammen mit unserem Webpartner technisch umgesetzt und es in den Wochen vor der Entscheidung mit Inhalten befüllt und moderiert. Das alles bekam die Stadt zu einem fairen Preis.

Perfektes Konzept

Das Blog sollte Interessierten helfen, sich schnell zu informieren und Lust machen, sich an Debatten über das Für und Wider aktiv zu beteiligen. Auf der Startseite informierte das Blog umfassend über alle Themen, die in Zusammenhang mit der Landesgartenschau und dem Bürgerentscheid standen.

Vorteile des Blogs

Bis zur Entscheidung am 28. April 2013 wurden auf dem Blog kurz und knapp Fragen beantwortet, auf die es teilweise schon längst Antworten gab, diese hatten sich aber noch nicht bis zu allen Interessierten herumgesprochen. Ein großer Vorteil aus Sicht der Stadt war es, dass sie auf dem Blog zu Gerüchten, die teilweise Gegner bewusst gestreut hatten, und zu Missverständnissen Stellung nehmen oder sie noch besser aufklären konnte. Das Blog wurde in den letzten beiden Wochen vor dem Bürgerentscheid sogar mehrmals täglich aktualisiert.

Interesse groß

Überlingen sah sich anfangs mit dem Problem konfrontiert, das alle Städte haben, die vor einem Bürgerentscheid stehen: Nicht alle Bürgerinnen und Bürger haben Zeit und Lust, sich an sieben Tagen in der Woche mit dem Streitthema, in diesem Fall der Landesgartenschau 2020, zu beschäftigen, auch wenn das Interesse am Thema groß ist.

Hinterzimmer ist out

Das Hinterzimmer ist out. Vor allem bei Jüngeren ist dieses Veranstaltungsformat weniger beliebt. Immer weniger Menschen haben zudem eine lokale Tageszeitung abonniert. Die Stadt Überlingen entschied sich auch deswegen dafür, auch das Web 2.0 zu nutzen und ging diesen Weg konsequent. Neben dem Blog gab es mehrere Facebook Seiten, darunter den persönlichen Facebook Auftritt der Oberbürgermeisterin sowie den Twitter-Account der Oberbürgermeisterin, den sie seit Längerem zum Streuen von Stadtnachrichten nutzt.

Kommentare unter Klarnamen

Veröffentlicht wurden auf dem Blog auch Kommentare (unter den Blogbeiträgen und in der rechten Mariginalspalte) – auch solche von Gegnern des Stadtentwicklungsprojekts. Die Spielregel sah vor, nur Kommentare von Kommentatoren mit Klarnamen zu veröffentlichen. Nur wenige Kommentare wurden nicht freigeschaltet: Einigkeit bestand, dass beleidigende und herabwürdigende Äußerungen nicht veröffentlicht wurden. Auch einige wenige stereotype, sachlich unrichtige Behauptungen, die von ein- und demselben Kommentator stammten, wurden nur ein- oder zweimal frei geschaltet und richtig gestellt. Wiederholungen wurden vermieden.

Hohe Beteiligung am Bürgerentscheid 2013

Der Erfolg gab der Stadt Recht. Die Abstimmungsbeteiligung beim Bürgerentscheid am 28. April 2013 war mit 51,9 Prozent im Vergleich zu anderen kommunalen Wahlen, Bürgerentscheiden und auch der Volksabstimmung über Stuttgart 21 hoch.

Vergleich mit OB-Wahl 2008

Zum Vergleich: Bei der OB-Wahl in Überlingen 2008 lag die Wahlbeteiligung bei 54 Prozent. 40,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler hatten damals Oberbürgermeisterin Sabine Becker ihre Stimme gegeben. Beim Bürgerentscheid war die Zustimmung somit wesentlich höher, was auch die Stellung der Oberbürgermeisterin in der Stadt und im Gemeinderat stärkt.

Ausreißer Konstanz

Nur beim von den Bürgern erzwungenen Bürgerentscheid über ein Konzert- und Kongresshaus in Konstanz am 21. März 2010 lag die Beteiligung bei 52,2 Prozent und damit geringfügig höher als die beim von der Stadt initiierten Bürgerentscheid über die Landesgartenschau in Überlingen. Das Quorum wurde in Konstanz deutlich überschritten und ein Konzert- und Kongresshaus, ein Hotel und ein Parkhaus auf dem Gelände Klein-Venedig mit einem Anteil von 65,70 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.

Bescheidenheit kommt an: WordPress Blog

Im Gegensatz zu Konstanz hatte Überlingen einen bescheideneren Auftritt. Websites können oft schnell sehr teuer werden – und bei Bürgerinnen und Bürgern kommt eine Materialschlacht zudem weniger gut an. Überlingen hatte sich für ein günstiges WordPress Blog entschieden. Das Blog, eine freie Software, wurde an die Bedürfnisse und Erfordernisse angepasst. Das Screendesign war ansprechend und die sieben Kategorien (Start/Presseschau/Galerie/Fragen&Antworten/Videos/Über uns/ Kontakt) waren übersichtlich angeordnet. Die Texte waren gut lesbar (schwarz auf weiß und enthielten nicht zu viele Zeichen pro Zeile). Kurz zusammengefasst: Das Blog funktionierte.

1.100 Videos aufgerufen

Insgesamt wurden auf dem Blog in den Wochen vor dem Bürgerentscheid 100 Kommentare, darunter auch die Antworten der Stadtverwaltung, freigeschaltet. Außerdem wurden auf dem Blog häufig gestellte Fragen und Antworten, die teilweise auch per eMail eingingen, veröffentlicht. Die Stadt hatte zudem alle relevanten Informationen in Form von Videos online gestellt. Allein 1.100-mal wurden Videos zwischen dem 22. März, als das erste Video eingestellt wurde, und dem 28. April aufgerufen.

Niederschwellige Angebote

Das Infoangebot war also sehr niederschwellig und leicht abrufbar. In der Zeit von Mitte März bis zum Tag des Bürgerentscheids am 28. April gab es auf dem Blog laut Google Analytics 3.341 eindeutige Besucher, 5.351 Besuche und 18.799 Seitenaufrufe. Pro Besuch sahen sich die Nutzer durchschnittlich 3,51 Seiten an und blieben dreieinhalb Minuten auf dem Blog. Die Besuchszeit war somit vergleichsweise lang. 22,7 Prozent der Besucher sahen sich das Blog auf mobilen Geräten an.

Startseite am häufigsten angeklickt

Am häufigsten besucht wurden die Startseite sowie Blogbeiträge. Am häufigsten angesehen wurde das Ergebnis des Bürgerentscheids, die Landesgartenschau gesplittet in vier Teile und ein weiterer Blogbeitrag über die Bürgerversammlung. Besonders beliebt waren neben den Videos, die Foto-Galerien, die Kategorie Fragen+Antworten, Wir über uns und die Presseschau.

Fortsetzung fürs Blog

Nach dem Bürgerentscheid geht das Blog als Kommunikationsmedium nun sogar in die Verlängerung. Auch die nächsten großen Themen wie Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) und Verkehrskonzept will die Stadt Überlingen über das Blog vermitteln. Auch das Thema Landesgartenschau 2020 findet bis auf weiteres auf dem Blog statt. Kommentare sind auch weiterhin erlaubt.

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