Kein Grammy für einen Wahlkampf in Konstanz

Wahlkämpfe sind heikel und auch für die PR- und Kommunikationsmenschen besonders intensiv, zeitraubend und am Ende gewinnt immer nur ein Kandidat die Goldmedaille. In Konstanz hieß der Gewinner Uli Burchardt. Anders als bei Olympia gibt es bei Wahlen keine Silber- oder Bronzemedaille, sondern ab Platz zwei nur Blech. Auch über einen Grammy für einen gelungenen Wahlkampf können sich die Spin-Doctors nicht freuen, wenn der Publikumspreis so wie am 15. Juli in Konstanz an einen anderen gegangen ist.

Von Anfang an unter Druck

Streng genommen fing der Wahlkampf in Konstanz schon Ende März an. Damals schlug die spätere Kandidatin zum ersten Mal bei mir in Konstanz auf und sagte, dass sie kandidieren wollte. Nicht ganz einen Monat später verkündete sie am Telefon, dass sie tatsächlich bei der OB-Wahl 2012 antreten wollte. Eine Pressemitteilung musste her und die Einladung zu einer Pressekonferenz musste kurzfristig raus.

Zweieinhalb Monate Wahlkampf

Die Kandidatin war übrigens nicht die die einzige und auch nicht die erste, die sich meldete. Zuvor hatte es bereits einen intensiven Austausch mit einem Mitglied der Piratenpartei gegeben. Später meldete sich ein Mitglied von Bündnis90/Die Grünen, das aber in der internen, nichtöffentlichen Vorauswahl hängen blieb. Die Kandidatin, die schließlich am 27. April 2012 ihre Kandidatur erklärte und der wir bis zum 15. Juli 2012 zuarbeiteten, war übrigens Mitglied der CDU. Das tat aber nichts weiter zur Sache. Professionelle Texte sind nicht rot, schwarz oder grün, sie müssen passen.

Gigantisches PR-Projekt

Ein Wahlkampf ist ein gigantisch großes PR Projekt. Der Kandidat oder die Kandidatin fragt wie andere Kunden auch eine Kommunikationsdienstleistung nach. Im Unterschied zu anderen Projekten erfordert ein Wahlkampf einen extrem hohen persönlichen Einsatz über viele Wochen. Klar ist, dass es mehrere Menschen, am besten Profis, braucht, die sich in einem Wahlkampf für einen Kandidaten oder eine Kandidatin engagieren. Nichts darf das Team dem Zufall überlassen – auch nicht, ob die Kandidatin Sneakers anzieht oder in hochhackigen Schuhen übers Konstanzer Pflaster schreitet.

Werbeagentur ein Glücksfall

Ein echter Glücksfall war es, bei der OB-Wahlkampf in Konstanz 2012 die Agentur LGM im Boot zu haben. Es war unsere erste Zusammenarbeit. Die beiden Geschäftsführer Jan Mittelstädt und Stefan Gessler arbeiteten über Wochen hoch professionell und engagiert. Wenn es sein musste, waren sie an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr ansprechbar. Und manchmal musste es sein. Ein riesiges Lob hat Art Director Bernhard Wilke von LGM verdient, der unendlich geduldig Anregungen und Änderungswünsche der Kandidatin umsetzte. Zunächst hatte es Kontakte mit zwei anderen Konstanzer Agenturen gegeben: LGM war in diesem besonderen Fall aus mehreren Gründen die beste. Sie arbeitete sensationell gut, verlässlich und die Kommunikation und die Arbeitsteilung funktionierten vorbildlich.

Formel 1

Jan Mittelstädt hat später einen Wahlkampf mit einem Formel 1 Rennen verglichen. Auf dem Blog vom LGM schrieb er: „Ein erfolgreiches Team besteht in der Formel 1 aus einem guten Fahrer, einem guten Wagen und einer guten Technik- und Strategiecrew. Im OB-Wahlkampf haben wir die Kandidatin oder den Kandidaten, das Wahlprogramm bzw. die Positionierung in der politischen Landschaft und ein Wahlkampfteam, das aus Strategen und Kommunikationsexperten besteht.“ Der Webeprofi formuliert es treffend. „Wie in der Formel 1 kann auch im Wahlkampf ein kleiner Fehler große Auswirkungen haben. Wenn in der Formel 1 die Boxencrew versagt, gehen vielleicht entscheidende Sekunden verloren, wenn der Fahrer eine Kurve falsch einschätzt, kann er trotz Vorsprungs ‚abfliegen‘.“ Bei der OB Wahl in Konstanz 2012 gehörten wir zum selben Stall.  Für LGM war es, wie wir erst hinterher erfahren haben, der erste Wahlkampf.

Fehler sind passiert

Wir haben in diesem Wahlkampf alle viel dazu gelernt und wissen längst auch, wo Fehler passiert sind. Das Blog und die Öffentlichkeit sind nicht die Orte, um sie zu benennen. Einer war aber sicher, dass wir zu wenige gewesen sind und dass wir wochenlang an unsere persönlichen Grenzen und darüber hinaus gegangen sind. Ein Wahlkampf ist ein arbeitsteiliges Projekt. Am Ende fehlte in Konstanz auch die Community. Es fehlte eine Partei im Hintergrund, und die Kandidatin schaffte es nicht, die grün-konservativen Wähler für sich zu gewinnen.

Web 2.0 statt Hinterzimmer

Eine sehr große Rolle spielte in Konstanz übrigens das Web 2.0. Das Hinterzimmer ist, wie wir spätestens seit der OB-Wahl im Juli 2012 wissen, endgültig tot. Während zu Wahlveranstaltungen von Kandidierenden oder von Parteien vielleicht noch zwei Dutzend Interessierte kamen, kommunizierten Wählerinnen und Wähler über Facebook oder schickten eine Mail mit ihren Fragen. Der Aufwand für die Kommunikation online war gewaltig. Bei künftigen Wahlkämpfen dürfte es nicht mehr anders sein.

PR stösst an Grenzen

Die Kandidatin hatte im Wahlkampf 2012 in Konstanz am Ende immer das letzte Wort. So lautet die Regel. Sie muss die Menschen durch ihren sympathischen, authentischen Auftritt gewinnen. Wenn sie sich zum Beispiel für oder gegen ein Kampagnenfoto entscheidet, können die Kommunikationsdienstleister zwar argumentieren, zwingen können sie die Kandidierenden aber zu nichts und das ist wahrscheinlich auch gut so. Kommunikationsdienstleister sind wie das Navi im Auto – fahren müssen die Kandidaten aber selbst.

Foto: Screenshot Website der Kandidatin bei der OB-Wahl 2012 in Konstanz

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3 Responses to Kein Grammy für einen Wahlkampf in Konstanz

  1. wak sagt:

    Das Team hat die Website von Sabine Reiser zum OB-Wahlkampf 2012 aus dem Netz genommen. Am 15. Juli 2012 war Uli Burchardt zum neuen Konstanzer OB gewählt worden.

  2. wak sagt:

    Heute hat die taz einen sehr lesenswerten Beitrag zur Konstanzer OB-Wahl veröffentlicht. http://www.taz.de/Neuer-CDU-Buergermeister-in-Konstanz/!105589/

  3. Konstanzer sagt:

    Hallo,
    hab eben den Artikel gelesen und da ich auch in der Werbe-Branche tätig bin, behaupte ich ein wenig Ahnung zu haben. Und gerade bei den Fotos bei Wahlkämpfen kann man echt eine Menge falsch machen. Vor kurzem war ich z. B. in Stuttgart unterwegs (vor der OB-Wahl) – von manchen Kanditaten-Bildern war ich echt erschreckt. Hätte ich als Hobbyfotograf wahrscheinlich besser hinbekommen – aber wie ja oben bereits geschrieben, das letzte Wort hat der Kunde.

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