Senden auf allen Kanälen: Neujahrsrede der Oberbürgermeisterin 2014 online

Sendet auf allen Kanälen! Normalerweise sind Ausrufezeichen in jounalistischen Texten und in PR-Texten tabu. Heute mache ich eine Ausnahme.  Oberbürgermeistern und Bürgermeistern rate ich, 2014 alle Kommunikationskanäle zu nutzen und sie, so oft es geht, zu bespielen. Dahinter setze ich ein Ausrufezeichen.

Unterschiedliche Milieus erreichen

Nur wer über alle Kanäle Informationen verbreitet, erreicht seine Zielgruppe, oder besser unterschiedliche Zielgruppen. Nicht alle Menschen sind gleich und nicht alle informieren sich über dieselben Kanäle. Die einen lesen gedruckte Bücher, andere eBooks oder manche auch nur Schnipsel. Wer sich ein Bild von unterschiedlichen Zielgruppen machen möchte, könnte sich die Sinus-Milieus® anschauen. Sinus-Milieus® sind Zielgruppen, die es tatsächlich gibt – ein Modell, das Menschen nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen gruppiert. Bei der Beschreibung und Abgrenzung der Milieus handelt es sich um eine von dem privaten Markt- und Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision entwickelte und regelmäßig fortgeschriebene Zielgruppen-Typologie.

Der passende Kanal für jede Zielgruppe

Während die Bürgerliche Mitte (14 %), der leistungs- und anpassungsbereite bürgerliche Mainstream, oder das traditionelles Milieu (15%) mutmaßlich zu der Bevölkerungsgruppe gehören, die sich für kommunalpolitische Themen interessieren und Letztere sicher auch noch die klassische lokale Printzeitung lesen, dürfte dies das Milieu der Performer (7%), das sich unter anderem durch hohe IT- und Multimedia-Kompetenz auszeichnet, nicht tun. Diese Zielgruppe wird eine Verwaltung heute, das behaupte ich, weder über das gedruckte Mitteilungsblatt noch über Bürgerversammlungen oder Empfänge erreichen. Auch auf die Homepage müssen Nutzer erst einmal gelenkt werden.

Fernseher im WLAN

Ein paar Wochen vor Weihnachten war es endlich soweit, ich habe den alten Röhrenfernseher, ein Überbleibsel aus Studizeiten, auf dem Wertstoffhof entsorgt und einen neuen Flachbildfernseher aufgestellt. Der neue hängt, das war wichtig, im WLAN und plötzlich zappe ich selbstverständlich vom Ersten zu ZDF Neo, Phoenix oder auch mal zu Sixx, auf  YouTube Channels, schaue mir Live-Auftritte von Bruce Springsteen und Stromae an und lande zwischendurch beim Konstanzer Theater oder der Stadt Konstanz, in der ich lebe. Videos anschauen konnte ich auch bisher schon auf dem Tablet. Das steht außer Frage. Aber erst, als ich das große Bild auf dem Flachbildfernseher gesehen habe, habe ich begriffen, dass ab sofort für mich jeder x-beliebige Kanal auf Augenhöhe zum Beispiel mit den Tagesthemen ist – oder, anders ausgedrückt, die Botschaften aus der eigenen Stadt sozusagen gleich wichtig wie die aus dem Weißen Haus wirken.

Neujahrsrede gehört ins Web

Während meiner weihnachtlichen Auszeit, in der sogenannten stillen Zeit zwischen den Jahren, in der ich in Ruhe endlich auch ein paar amerikanische Serien anschauen konnte, wurde mir schlagartig bewusst, dass es eine riesengroße Chance und sogar zwingend nötig ist, alle wichtigen Informationen, die eine Stadt verbreiten möchte, auch auf YouTube zu stellen. Die Stadt Überlingen hat es schon mehrfach getan – 2013 vor dem Bürgerentscheid über die Landesgartenschau 2020 und 2014 beim Bürgerempfang der Stadt. Sie hat den Videofilmer Peter Schottmüller engagiert und zum ersten Mal auch die Neujahrsrede der Oberbürgermeisterin ins Web gestellt. Das Video ist direkte Kommunikation und dauert rund 40 Minuten. Das ist für einen Webfilm sehr lang. Andererseits können sich alle interessierten Bürgerinnen und Bürger in weniger als einer Stunde daheim vom Sofa aus darüber informieren, welche Themen in der Stadt 2014 voraussichtlich wichtig werden und was die Stadt zuletzt im vergangenen Jahr bewegt hat. Wem es zu lange dauert, der kann ein Thema überspringen oder auch noch einmal zurückspulen, wenn es zu schnell ging. Die einzigen Torwächter sind die Nutzer, die Besucher von YouTube selbst.

Hoher Grad an Authentizität

Peter Schottmüller hat gefilmt, was am Rednerpult passiert ist, und auf der Tonspur befindet sich, was tatsächlich so gesagt worden ist. Das Video ist authentisch und sehr informativ. Die Infos und der Auftritt der Rednerin sind glaubwürdig. Ich persönlich finde es übrigens auch ansprechender und ehrlicher, sich zum Web zu bekennen. Der Versuch, Fernsehen nachzuahmen, wirkt dagegen oft eher peinlich. Wobei es natürlich tatsächlich so ist, dass es bessere und schlechtere, oder einfach unterschiedliche Hernagehnsweisen, Videos und Filme gibt.

Viele OB’s gehen online

Herausgesucht habe ich zum Vergleich gerade noch die Weihnachts- und Neujahrsansprache der Konstanzer Oberbürgermeisters Uli Burchardt. Die Konstanzer haben sich für ein knapp neunminütiges Video entschieden. Auch das ist länger als fürs Web ideale 1.20 oder 1.50 Minuten. Noch nicht im Netz gefunden habe ich heute die Ansprache des Friedrichshafener Oberbürgermeisters Andreas Brand. Es dürfte demnächst aber auf dem Video Channel der Stadt Friedrichshafen stehen. Vermutlich läuft es heute Abend erst einmal im Regionalfernsehen. Anders als Überlingen und Konstanz, die einfach nur Videos online stellen, findet sich auf dem Kanal der Stadt Friedrichshafen echtes „Hallo Friedrichshafen“ Fernsehen. Wie gesagt, die Geschmäcker sind verschieden.

Menschen an Kanäle gewöhnen

Keinesfalls möchte ich mein Thema aus den Augen verlieren. Deswegen noch einmal zurück in die Rathäuser. Egal ob Twitter, Facebook oder YouTube: Die Botschaften kommen nur an, wenn die Bürgermeister und Oberbürgermeister ihre Kanäle regelmäßig nutzen. Und sie sollten es unbedingt auch selbst tun. Wenn sie die Pressestelle posten lassen, sollte das in jedem Fall kenntlich gemacht sein. „Heute postet hier ausnahmsweise…“ oder so ähnlich. Erst einmal muss sich herum sprechen, wo ungefilterte Infos zu finden sind. Nur, wer die Kanäle regelmäßig bespielt, hat die Chance die Menschen, die Zielgruppen zu erreichen, wenn es wirklich wichtig ist.

Die vierte Gewalt

Dieser Beitrag lässt einen Aspekt vollkommen außer acht: Wenn Städte und Unternehmen immer öfter selbst und direkt informieren, empfangen die Bürgerinnen und Bürger zwangsläufig nur noch die Botschaften, die Verwaltungen und die Wirtschaft senden wollen. Anders als die unabhängige Presse, die als vierte Gewalt die Funktion des Kontrolleurs hat, werden Kommunikationsdienstleister ihre Auftraggeber nie öffentlich kritisieren oder schlecht aussehen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger wissen das aber. Journalisten machen ihren Job, wir machen einen anderen und zwar professionell.

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